Dieser Tag begann wie jeder andere auch: aufstehen, frühstücken und dann joggen gehen. Als ich aus der Tür unseres neuen Hauses trat, gingen noch einmal die letzten Monate unseres Familienlebens an mir vorbei. Mein Vater Bill war bis vor einem Jahr scheinbar glücklich mit meiner Mutter verheiratet gewesen. Doch plötzlich war alles ganz schnell gegangen. Die beiden hatten sich getrennt, da meine Mutter sich in einen anderen Mann verliebt hatte und mit diesem auch zusammengezogen war. Sie hatte nach der Scheidung das Sorgerecht für mich und meinen Bruder verloren. Ihre Besuche durften nur noch selten stattfinden. Also lebten wir jetzt in einem neuen Haus mit Bill, meinem kleinen achtjährigen Bruder Felix, unserem Chauffeur Mr. Janosch und mir, Alex.

Die Sonne schien und es war angenehm warm hier in San Diego, perfektes Joggingwetter. Nach ungefähr einer halben Stunde traf ich von einem kleinen, unbenutzten Feldweg auf eine gepflasterte Straßenkreuzung. Nachdem ich eine Ampel überquerte, sah ich für einen kurzen Augenblick die Limousine vom Chauffeur meines Vaters auf einem kleinen Parkplatz. Mir fiel ein, dass dieser eigentlich gar nicht dort sein durfte, aber ich wusste in diesem Moment nicht mehr warum. Mein Blick schweifte noch einmal gespannt zu der Limousine. Dabei sah ich noch jemanden, der sich gerade von Mr. Janosch ins Auto helfen ließ: es war ein großer, schlaksiger Mann, seine riesige, spiegelnde Sonnenbrille erschien mir viel zu groß für so einen kleinen Kopf.

In diesem Moment hörte ich erst einen kurzen Aufschrei und konnte gerade noch sehen, wie eine Fahrradfahrerin vor mir stürzte. Schon waren meine Gedanken über Mr. Janosch und diesen anderen Mann vergessen. Als ich keuchend bei der Fahrradfahrerin ankam, stand diese schon wieder auf und fuhr ohne ein Wort zu sagen davon. „Blöde Kuh“, dachte ich mir.

Als ich zuhause ankam war Bill total durch den Wind.

„Alex, Felix wurde von Mr. Janosch noch nicht von der Schule zurückgebracht!“. Daraufhin riefen wir sofort den Chauffeur auf seinem Autotelefon an. Er reagierte verwundert: „Ich dachte mir, dass einer von euch ihn schon vor mir abgeholt hätte, da Felix nicht mehr da war, als ich kam. Und ich weiß auch nicht, ob  es wichtig ist, aber ich hatte ein komisches Gefühl, als ich eure Mutter vor der Schule sah.“

„Bist du dir da sicher?“, erwiderte ich verwundert.

„Ja, sie stieg gerade in ihr Auto ein als ich dort ankam,“  meinte Mr. Janosch leicht genervt.

„Was hatte die denn da zu suchen?“, fragte Bill energisch.

Wir versuchten gleich danach, meine Mutter anzurufen, doch leider ohne Erfolg.

„Ich telefoniere jetzt mit der Polizei!“, rief mein Vater.

Die Polizisten waren schnell bei uns und fragten uns genau aus. Eine halbe Stunde später hatte ich ihnen alles erzählt was ich wusste. Gleichzeitig befragten zwei andere Polizisten meinen Vater und den äußerst nervösen Mr. Janosch.

Ich konnte zum Glück das Ende des Gesprächs mithören: „Und dann habe ich gesehen, dass die Mutter der Kinder vor der Schule stand….“ Da fiel mir plötzlich ein, dass ich Mr. Janosch mit dieser anderen Person auf einem Parkplatz gesehen hatte und dass meine Mutter, als ich sie das letzte Mal sah, sagte, dass sie demnächst auf Dienstreise in Deutschland, in Kiel-City sei. Nachdem ich diese neuen Informationen an die Polizei weitergegeben hatte, wollte diese noch einmal Mr. Janosch befragen. Meine Geschichte widersprach aber ganz den Aussagen von dem eigentlich immer zuverlässigen Chauffeur, der sehr angespannt in der Ecke des Raumes saß.

„Mr. Janosch, ich denke, wir müssen sie noch einmal befragen. Es scheint, sie haben gelogen. Was hat es mit der von Alex beschriebenen Person auf sich?“, fragte ihn der Polizist barsch.

Der unsichere Chauffeur versuchte sich heraus zu winden, doch dann kam er auf den Punkt: „Ich bekam einen Anruf von meinem hilflosen Bruder. Er hatte heute eine Operation in der Augenklinik und durfte sein Auto nicht mehr bewegen. Nahe der Schule gibt es eine Apotheke, wo er noch etwas zu besorgen hatte. Von dort aus wollte er dann nach Hause gehen.“

„Und was hat es mit der Aussage über die Mutter vor der Schule auf sich? Es kommt mir vor, als wollen Sie Ihrem Bruder und sich selber ein Alibi verschaffen.“

Mr. Janosch stotterte stark bei seiner Antwort. „Ich … aber das ist eine… ähh …was… aber ich hab doch gar nicht…!“

„Ganz ruhig, erzählen Sie uns doch einfach was geschehen ist, als Sie ihren Bruder vor der Apotheke absetzten“, redete ein Polizist auf ihn ein.

Mr. Janosch holte tief Luft. „Ich parkte den Wagen und ging über den Schulhof in das Gebäude. Suchen Sie ihn doch selber, warf mir die Hausaufgabenbetreuung von Felix vor, nachdem ich sie fragte, wo Felix ist. Ich suchte die gesamte Schule ab, aber fand den kleinen Jungen nirgends. Nachdem mir danach auch die Betreuung mithalf, ihn zu suchen, gaben wir erfolglos auf. Jemand anderes wird ihn schon abgeholt haben, dachte ich mir. Danach machte ich mich auf den Weg hierher, um zu fragen, ob ihr den Kleinen abgeholt habt“,  schloss der mittlerweile schon wieder etwas sicherere Mr. Janosch seine Beschreibung.

„Vielen Dank, wir sollten jetzt erst einmal die Lehrerin und die Hausaufgabenbetreuerin fragen, ob sie etwas Auffälliges, oder ob sie vielleicht gesehen haben, wer Felix mitgenommen hat.“

Die Polizisten kamen nach einer Stunde von der Schule zurück. Sie berichteten, was sie herausgefunden hatten:

„Keine der Frauen hatte Felix gesehen. Aber ein kleiner Junge hörte uns zufälligerweise zu und meinte, er hätte so einen komischen Mann mit einer riesigen Sonnenbrille auf dem Schulhof gesehen. Die Beschreibung passt doch auf Ihren Bruder, den sollten wir noch einmal anrufen.“

Bei dem Telefongespräch stellte sich heraus, dass der Bruder die Geschichte genauso erzählte wie Mr. Janosch. Auf die Nachfrage, was er auf dem Schulhof gemacht hat, sagte er, ohne sich aus der Fassung bringen zu lassen: „Ich wusste nicht genau, wo die Apotheke ist, deshalb habe ich jemanden gesucht, der mir helfen könnte. Zum Glück bemerkte ich schon  vom Schulhof aus, dass sich die Apotheke in einem Hinterhof neben der Schule befindet“,  beendete er das Gespräch und legte auf.

„Klingt plausibel“, meinte der Polizist.

„Ich denke, wir sollten jetzt noch einmal versuchen, unsere Mutter zu erreichen. Sie hat zwar ein Alibi, aber es muss ja nicht stimmen“, fuhr es aus mir heraus. Es war zwölf Uhr mittags, als wir sie auf ihrem Handy anriefen. Das Telefon wurde auf Lautsprecher umgestellt, damit alle dem Gespräch folgen konnten. Direkt nach dem ersten Klingeln ging sie an ihr Telefon.

 „Hallo, hier ist Alex“, startete ich das Gespräch.

„Hi Alex, gibt es einen besonderen Anlass oder warum rufst du an?“

„Ja, ich wollte nur fragen, ob du schon auf deiner Dienstreise in Deutschland bist?“

„Ja, ich sitze gerade in meiner Mittagspause in einem Café und esse Eis. Die Sonne scheint hier gerade und es ist sehr warm!“

„Gut, vielen Dank, mehr wollte ich gar nicht wissen!“

„Tschüss, bis bald.“

 

Nachdem ich aufgelegt hatte, breitete sich ein riesiges Lächeln auf meinem Gesicht aus, ich hatte den Fall gelöst.

„Die ist aber nicht gerade schlau gewesen!“, rief ich in die Runde von verwundert dreinschauenden Polizisten.

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Ist es euch nicht aufgefallen?“  fragte ich lachend in die Runde.

„Was ist denn in dich gefahren?“  meinte ein Polizist verwundert.

 „Okay, dann will ich euch das als fachmännischer Detektiv gerne erklären,“  begann ich, auf die sich immer mehr wundernde Menschengruppe um mich herum einzureden.

„Meine Mutter sagte doch, sie sei schon in Deutschland?“

„Ja, und weiter?“ fragte Bill schnell.

„Wir sind hier in Amerika und der Zeitunterschied beträgt neun Stunden von hier nach Deutschland. Das bedeutet, dass es, wenn es jetzt hier zwölf Uhr mittags ist, es dort abends um neun ist. Also muss die Aussage, dass sie gerade Mittagspause macht und in der Sonne sitzt gelogen sein. Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass sich meine Mutter noch immer hier in San Diego aufhält. Wo auch immer, aber sie ist garantiert nicht alleine, da meine Bruder bei ihr ist.“, beendete ich meine Erläuterung.

„Von hier in Kalifornien beträgt der Zeitunterschied bis nach Deutschland neun Stunden. Wenn es also bei uns zwölf Uhr ist, ist es dort neun Uhr abends. In der Mittagspause zu sitzen, ist also ziemlich unwahrscheinlich. Meine Schlussfolgerung daraus ist, dass sich meine Mutter noch immer in San Diego befindet. Wenn mein Bruder bei ihr ist, sind die beiden vielleicht in Disneyland, denn es war der größte Traum von Felix einmal dorthin zu fahren,“  beendete ich meine Erklärung.

Nachdem wir nun meine Mutter mit meinem Bruder, wie ich vermutete, in Disneyland gefunden hatten, war sie uns eine Erklärung schuldig:

„Da ich nur so selten meine Kinder sehen darf, wollte ich wenigstens einmal einen Nachmittag mit meinem Sohn verbringen.“

„Ich hoffe es hat sich gelohnt, da sie eine Anzeige bekommen können und Gefahr laufen, ihre Kinder gar nicht mehr sehen zu dürfen.“ Erklärte ihr ein Polizist barsch.

Nachdem wir uns in der Familie zusammensetzten, beschlossen wir, dass uns unsere Mutter nun öfters besuchen kommen durfte. Bevor sie dies aber tat muss sie es mit uns absprechen.

Seid dem besucht uns unsere Mutter eigentlich regelmäßig jedes zweite Wochenende. Wir gehen schwimmen, Eis essen, Fußball spielen oder ins Kino.

 

 

So endet die Geschichte wie euer Opa und eure Oma sich getrennt haben, Kinder. Und jetzt merkt ihr, dass ich ein ziemlich guter Detektiv war. Ohne mich wäre euer Bruder jetzt vielleicht in Deutschland und die Polizei hätte wahrscheinlich den Falschen verhaftet.

(Pablo)

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