Völlig außer Atem kam George Smithon eines Nachts in den Dorfkrug „Am wankenden Elch“ gestürzt. Er war einer der zehn Bewohner eines kleinen Dorfes ohne große Bedeutung am Rande von Cork in Irland. Es war so unbedeutend, dass es nicht einmal einen Namen abbekommen hatte; unter den Bewohnern war es jedoch unter dem Namen „das Dorf der Vergessenen“ bekannt. Es war später Herbst und draußen war es so kalt, dass die Fenster beschlagen waren und man nur hören konnte, dass es regnet, wenn die Tropfen an die Scheiben platschten. „Ihr werdet nicht glauben, was gerade passiert ist!“, schnaufte George, der vor Nässe nur so triefte. Das herunter getropfte Wasser hatte bereits kleine Pfützen auf den schäbigen, knarzenden Dielen des Hauses gebildet und seine dunklen Haare klebten dem schlaksigen Mann im Gesicht. Überrascht, über das plötzliche Erscheinen des sonst so ausgeglichen wirkenden Mannes, drehten sich die Dorfbewohner um, um zu erfahren, was den Mitte-50-jährigen so aufregte. „Als ich gerade auf einem Nachtspaziergang an dem Haus des alten Crayn vorbei kam, hörte ich plötzlich Schreie. Sie kamen aus dem Bauernhaus. Ich bin sofort reingelaufen, um ihm zu helfen, doch es war schon zu spät. Der Alte lag neben seiner Treppe, so, als wenn er über das Geländer gestürzt wäre und atmete nicht mehr.“ George hatte so schnell gesprochen, dass er erst mal nach Luft schnappen musste, nur um seinen Redefluss wenige Sekunden später wieder fortzusetzen. „Ich bekam so einen Schreck, dass ich einen Schrei ausstieß. Seine Augen starrten ins Leere und sein Kopf saß schief auf dem Hals. Ein grausames Bild sage ich euch! Einfach grausam! Ich musste all meinen Mut zusammen nehmen, um nicht schreiend aus dem Haus zu rennen, als ich merkte, dass sein Genick gebrochen war. Schnell machte ich mich auf den Weg zu euch, doch als ich an der Tür vorbei kam, entdeckte ich diesen schwarzen Stofffetzen. Seht her! “  Schockiert sahen sich die „Vergessenen“ das Stück Stoff an, das George ihnen vor die Nase hielt. “Sollen wir die Polizei verständigen?“, fragte einer von ihnen nach einer halben Ewigkeit. „Du glaubst doch wohl nicht im Ernst, dass die uns helfen werden! Für die ist dieses Dorf doch eh bloß ein Loch und sie sind froh, wenn wir alle tot sind.“, erwiderte ein Anderer. „Versuchen können wir es trotzdem!“, brummte der Wirt und griff zum Telefon. Erst jetzt zog George Mantel und Stiefel aus und griff nervös nach einem Feudel, um das Regenwasser von den Dielen zu wischen.

Wie vermutet nahm die Polizei in Cork zwar die Geschichte auf, schaffte es aber irgendwie, nicht kommen zu müssen. Sie sagten nur, dass der Tote beerdigt werden darf, wenn der Pastor es zulässt. Der Pastor, der nicht mal eine Kirche hatte und im Dorfkrug predigen musste, willigte selbstverständlich ein. „Das ist ja wohl das mindeste, was ich tun kann!“, sagte er. „Wer hilft mir, dem Fall auf die Spur zu kommen?“,  rief George plötzlich. Er rechnete nicht damit, dass die übrigen Bewohner dies für eine gute Idee halten würden, da man in diesem Dorf so wenig wie möglich miteinander unternahm, doch er hatte sich getäuscht. „Von mir aus“ und „Meinetwegen“ und „Aber wie sollen wir so etwas anstellen?“ war die Antwort. „Vielleicht fangen wir mit den Verdächtigen an“, schlug Alice, die einzige Frau im Dorf, vor. „Gute Idee!“, gab ihr der Wirt recht „Es kommen eigentlich nur die in Frage, die jetzt nicht hier sind. Das sind Mr. Palch,  Mr. Frey und dieser dunkle Mann. Wie heißt er noch gleich? Ihr wisst schon, der mit den vielen Narben.“ „Meinst du Edward Benston?“, fragte ein kleiner, alt aussehender Mann. Doch bevor der Wirt antworten konnte, protestierte jemand. „Hey du ausgefranster Waschlappen! Das bin ich!“, schimpfte er „Du kannst mich doch nicht mit dem vergleichen! Er meint wahrscheinlich dich, du…!“ „Meinst du Tremble?“, warf George ein, um  der Wutausbruch zu beenden. „Ganz genau“, sagte der Wirt „Und jeder könnte es gewesen sein! Mr. Palch trägt immer schwarze Kleidung. Er könnte bei der Flucht aus dem Haus irgendwo hängen geblieben sein und dann ist ein Stück aus seiner Kleidung herausgerissen. Mr. Freys Großvater war bis zum Tod mit dem Großvater von Crayn im Streit. Es könnte sein, dass er sich jetzt dafür rächen wollte, dass sein Großvater bei einem ihrer vielen Kämpfe ums Leben gekommen ist. Und dieser Tremble …“ „Es könnte aber auch sein, dass Crayn Selbstmord begangen hat. Ihr wisst ja, dass er schwer Herzkrank war und nicht mehr richtig arbeiten konnte. Vielleicht hatte er Angst zu verhungern, wenn er nicht mehr genug Geld hat. Oder es war ein Unfall, bei dem der Alte auf der Treppe gestolpert ist.“, warf Alice ein. „Mit vielleicht kommen wir nicht weiter. Am besten, wir fragen morgen die noch lebenden Verdächtigen“, meinte George und zog sich seine mittlerweile nur noch feuchten Stiefel an. Er verabschiedete sich und warf sich den grauen Regenmantel über die Schulter. „Ich frage morgen alle drei und komme anschließend wieder her. Es wird so gegen elf Uhr sein.“, entschied er und machte sich auf den Heimweg.

Am nächsten Morgen schien wieder die Sonne und George fuhr mit seinem klapprigen Käfer durchs Dorf, um Mr. Palch einen Besuch abzustatten. Vor der schwarzen Gartenpforte parkte er seinen Wagen und stapfte den Kiesweg entlang zum Haus. Der schwarze Klingelknopf war schwer auf der ebenfalls schwarzen Hauswand zu erkennen, doch die silbernen Buchstaben verrieten ihn. `Komischer Typ! `, dachte Smithon, als er durch die schwere, natürlich auch schwarze Eingangstür trat, die Mr. Palch ihm zuvor geöffnet hatte. „Nanu, was machst du denn hier?“, fragte der dunkelhaarige Mann freundlich. „Guten Morgen Mr. Palch. Ich bin hier, um dir ein paar Fragen zu stellen. Wie gut kanntest du eigentlich den alten Crayn?“ „Nicht besonders gut. Ich war gestern Abend so gegen acht Uhr das erste Mal bei ihm. Ich weiß nicht, wie er es dort ohne Licht aushalten kann!“ „Was habt ihr denn zusammen gemacht?“ „Wir haben geredet und zusammen gegessen. Er hat sich allerdings so komisch verhalten, als hätte er vor irgendetwas Angst. Aber warum fragst du überhaupt?“ „Naja, der Mann wurde gestern Nacht tot aufgefunden. Und da dachten wir, dass …!“ „Ich ihn umgebracht habe?! Was wird mir hier zugetraut? Verschwinde sofort aus meiner Wohnung!“ „Ich dachte nur …weil das hier am Tatort war …!“, versuchte sich George zu retten und hielt den schwarzen Stofffetzen hoch. „Bist du schwerhörig? Raus sagte ich!“ Mr. Palch griff nach einem Stock, der an der Wand lehnte und drohte George damit. Schnell stürzte dieser durch die Tür in seinen Käfer und brauste davon. `Da lasse ich mich besser nicht so schnell wieder blicken! `, dachte er. Nach diesem Ereignis verspürte er jedoch nicht mehr die geringste Lust, Mr. Frey und Mr. Tremble aufzusuchen, denn sie würden bestimmt auch nicht mehr davon begeistert sein, verdächtigt zu werden. Dafür fuhr er noch einmal in das Haus des Toten, um nach Hinweisen auf den Täter zu suchen. Rein kam er ohne Probleme, da es im ganzen Haus keine abschließbaren Türen gab,  doch als er die Küche betrat, bekam er einen Schreck. Alice und der Pastor waren bereits dort und hievten die Leiche gerade auf eine Trage, um ihn raus zu tragen. „Was machst du denn hier?“, fragte der Pastor erstaunt. „Ich…öhmm…wollte…ähhh…eigentlich nur nach Spuren suchen, die der Täter hinterlassen hat. Ich geh dann mal besser wieder. Bis bald!“ Mit diesen Worten drehte er sich um und lief aus der Tür. `Oh nein! Heute ist echt nicht mein Tag`, dachte der Mann und fuhr zum“ wankenden Elch“.  Dort angekommen sah er die Dorfgemeinde, einschließlich Frey und Tremble. „Alice und unser Herr Pastor sind bei Crayn, um ihn zu begraben, oder so. Sonst sind wir alle hier.“, brummte jemand. „Aber warum wollen sie den Alten begraben?“, fragte Mr. Frey verwundert „Ist er endlich tot?“ „Ja. Er wurde gestern mit gebrochenem Genick neben seiner Treppe aufgefunden“, erklärte der Wirt nüchtern. „Er ist wirklich tot! Der Traum meiner Träume hat sich erfüllt! Endlich habe ich den Kampf meines Großvaters gewonnen! Wisst ihr… ahmmm… schon, wer ihn ermordet hat? “, fragte der füllige Mann vorsichtig. „Nein“, antwortete George schnell und setzte sich auf einen der wackeligen Hocker, dessen rotes Leder bereits an den Seiten aufplatzte, an die Bar.

Unterdessen waren Alice und der Pastor damit beschäftigt das zu tun, was George auch tun wollte. `Komisches Gefühl in einem Haus zu sein, in dem jemand gestorben ist`, dachte Alice plötzlich  und ein Schauer lief ihr den Rücken runter. Plötzlich schrie der Pastor auf, denn er war im Dunkeln auf der Treppe über einen leeren Farbtopf gestolpert, konnte sich aber gerade noch abfangen, bevor er herunter gestürzt wäre. „Alles in Ordnung?“, fragte seine Begleiterin verschreckt. Doch statt auf ihre Frage zu antworten, sagte er: „Genau das könnte Crayn auch passiert sein! Nur das er sich nicht mehr abfangen konnte und über das Geländer gestürzt ist. Dann wäre es kein Mord gewesen, sondern ein Unfall.“ „Stimmt!“, gab Alice ihm Recht „Aber wir brauchen Beweise, um sicher sein zu können.“ Nach über einer Stunde wollten die Beiden schon aufgeben, als Alice in einem der unzähligen alten Schränke ein leeres Röhrchen entdeckte, auf dem “Schlaftabletten“ stand. Zum zweiten Mal an diesem Tag lief es ihr eiskalt den Rücken runter, als ihr einfiel, wie der alte Mann Selbstmord begangen haben könnte. „Vielleich hat er Schlaftabletten genommen, um sich von den Qualen seiner Angst zu befreien. Er könnte den ganzen Röhrcheninhalt auf einmal  verschluckt haben, um daran zu sterben. Wenn er dann die Treppe herunter gefallen oder gar im Tablettenwahn herunter gesprungen ist…! Das möchte ich mir gar nicht vorstellen!“ „Ich auch nicht“, sagte der Pastor „Aber es kann auch sein, dass er jede Woche eine genommen hat. Am besten, wir gehen jetzt zu den Anderen in den “wankenden Elch“, um ihnen  zu erzählen, was passiert sein könnte. Vielleicht hat George ja auch etwas herausgefunden. Oder er sagt uns, warum er sich vorhin so komisch verhalten hat.“ Seine sechzigjährige Begleiterin stimmte ihm zu und sie machten sich auf den Weg in den Dorfkrug. Dort angekommen waren alle in heller Aufregung. „Er war`s! Er hat den Bauern umgebracht! Er war schon von Anfang an am meisten verdächtig! Dieser gemeine Mörder hat gesagt, er würde uns am liebsten alle umbringen!“, rief George laut und zeigte auf Tremble, der wutentbrannt an der Tür stand. Alle schienen seiner Meinung zu sein, denn plötzlich standen sie auf und jagten den Mann, der wie immer mit schwarzem Mantel und Hut bekleidet war, aus dem Haus. Sie schienen sich so sicher zu sein, dass sich die beiden “Bestatter“  ihnen anschlossen. „Wir kriegen dich, du elender Mörder! Du entkommst uns nicht!“, rief der Wirt. Über die vielen Straßen und Felder rannte Tremble, bis er schließlich Zuflucht in dem Haus des Verstorbenen fand. So schnell er konnte, lief er in ein sehr kleines, staubiges Zimmer auf der anderen Seite der Haustür, durch die die wütenden Verfolger jetzt ins Haus stürmten.  In dem Raum war es stockdunkel, da es nur ein einziges winziges Fenster gab, doch den hölzernen Schrank konnte der große, gefährlich aussehende Mann finden. Schnell kroch er hinein. Gerade rechtzeitig, denn kaum hatte er die schweren Türen geschlossen, rasten die Dorfbewohner schon an dem Raum vorbei.

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`Das war knapp!`, dachte Tremble erleichtert `Hoffentlich finden die mich nicht! ` Er hatte Glück, denn auf der Rückseite des Schrankes befand sich ein kleines Fenster, durch das ein schmaler Lichtstrahl fiel. Es stank muffig in dem Schrank, doch das machte ihm nichts mehr aus, als seine Hand plötzlich etwas eckiges berührte. Es war das Tagebuch des alten Crayn! Es stand nicht viel darin, was Tremble merkte, als er es aufklappte. Der einzige Eintrag, der in einer schwungvollen Handschrift geschrieben war, lautete folgendermaßen:   

"Ich habe gesehen, wie George Smithon einen Sack im Wald vergraben hat. Dabei hat er sich immer wieder nach allen Seiten umgesehen, als wenn er sicher sein wollte, dass niemand ihn beobachtet. Mich hat er nicht entdeckt, also ging ich zu der Stelle, als er weg war. Ich habe den Sack ausgegraben und mit nach Hause genommen, da ich nicht wusste, wie ich ihn der Polizei übergeben kann, ohne dass sie mich verdächtigen, ihn gestohlen zu haben. In dem Sack waren nämlich lauter 500-€uro-Scheine. Am nächsten Tag habe ich Smithon dann zur Rede gestellt, was vielleicht nicht so schlau war. Wenn er mich jetzt umbringt, wird dieses Buch helfen, den Täter zu entlarven. (Wenn sich jemand darum kümmert!)"

Nun wusste Tremble, wie er den anderen beweisen kann, dass er nicht der Täter ist. Ohne weiter nachzudenken, riss der stämmige Mann die Schranktüren auf und stürmte aus dem Zimmer – direkt in die Arme seiner Verfolger! „Ich bin nicht der Mörder und das kann ich auch beweisen!“, schnaufte er „Dieses Tagebuch habe ich im Schrank des Alten gefunden. Lest selber!“ Der Wirt packte das Buch und las laut vor. Als er fertig war, sah er Smithon an, der vor Nervosität fast platzte: „Ich wollte doch alles mit euch teilen! “, piepste dieser vorsichtig. „Wer`s glaubt…! Los! Schnappen wir uns dieses verdammte Schwein! “, brüllte Edward Benston und die zweite Verfolgungsjagt an diesem Tag begann. „Du hast hier nur den Ermittler gespielt, damit wir nicht auf die Idee kommen, dass du der Mörder bist. War eigentlich ziemlich schlau von dir; und wir sind auch noch darauf reingefallen! Wie dumm von uns! Wir hätten dich von Anfang an verdächtigen sollen, schließlich warst du in der Tatnacht auch nicht bei uns im Bierkrug!“, rief Alice böse. Am Bach, der mitten durch das Dorf floss, war Sackgasse für George. Bedrohlich kamen seine Verfolger näher und näher. „Das war`s dann wohl!“, sagte Mr. Frey mit zuckersüßer Stimme und kam ein paar Schritte auf ihn zu „Eigentlich sollte ich mich ja bei dir bedanken, weil du mir den Kampf unserer Großväter gewonnen hast, aber ich mag nun mal keine Lügner!“ Smithon sah keine andere Möglichkeit als in den Bach zu springen, doch da er nicht schwimmen konnte, trieb er ab und ertrank.

Als man der Polizei erzählte, dass ein Sack mit lauter 500-€uro-Scheinen im Haus des Verstorbenen sei, kamen sie doch, fanden das Geld und verteilten die Hälfte unter den Dorfbewohnern. Es war das Geld, das eine Woche zuvor, aus einer sechs Kilometer weit entfernten Bank gestohlen wurde. Von nun an war es nicht mehr das Dorf der Vergessenen, sondern das Dorf der Bekannten.

(Jana-Kristin)

 

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